Ich war bereit. Zumindest fühlte ich mich bereit als ich meinen kleinen Koffer schloss und zum letzten Mal meine imaginäre Packliste überprüfte, ob ich nun auch wirklich alles dabei hatte für die nächste Zeit. Geplant waren drei obligatorische Wochen in einer Entzugsklinik, mit anschließendem Aufenthalt in einer Entwöhnungsklinik.

Ich hatte nur die Entwöhnungsklinik besucht, die mir außerordentlich gut gefiel und in der ich mich sofort wohl fühlte. Mir wurde gesagt, dass der Entzug zum Programm  gehörte und ich nur so eintreten dürfe. Etwas widerwillig und sichtlich überfordert stimmte ich zu. Obwohl ich schon länger mit meinem Alkoholproblem zu kämpfen hatte, verspürte ich nie Entzugserscheinungen bei Verzicht. Keine Kopfschmerzen, keine innere Anspannung, nada. Und das sage ich überhaupt nicht im negativen Sinn an Leute gerichtet, denen es da anders geht. Aber ich selber wollte lieber direkt in die Entwöhnung gehen. Die Ärztin redete etwas von "psychologischer Entzug" und "wir können das nicht verantworten hier" usw. Da mich die Entwöhnungsklinik so ansprach, entschied ich mal "kurz" diese drei Wochen hinter mich zu bringen. 

Ich hatte nur noch 4 Tage Zeit und mit dem Wissen, anschließend für 6 Monate fort zu sein, räumte ich mein WG-Zimmer leer um es unterzuvermieten, verabschiedete mich von den engsten Freunden, meiner Familie und Hündin Phoenix. Ich war mir 100% sicher diesen Entzug durchzuziehen. Doch es sollte alles anders kommen, denn ich sitze einen Tag später bei meiner Mutter in der Wohnung und schreibe diesen Post. 

Die Nervosität schaltete sich bei der Autofahrt dann schon noch ein. Ich war zudem schon verspätet, gestresst und wir verfuhren uns trotz Navi ständig. Eine halbe Stunde zu spät kam ich dann doch noch bei meinem vorübergehenden "Zuhause" an. Die Krankenschwester war sehr nett, führte mich aufgrund von Covid direkt in mein Isolationszimmer, in dem ich die nächsten 24 Stunden verbringen werde. Sie machte einen Corona-Test, einen Alkoholtest, UP (Urinprobe), maß meinen Puls und Blutdruck usw. Im Verlauf des Tages kamen sich alle wichtigen Personen kurz vorstellen, ich wurde das erste Mal von einer Psychotherapeutin bezüglich meiner Sucht evaluiert und vom Chefarzt ausgequetscht. Wie gesagt war das Personal sehr sympathisch aber ich war dann nach all denen Fragen sehr geschlaucht und mir machte die Einsamkeit in der Isolation sehr zu schaffen. Es war a****kalt und ich konnte die anderen Patienten draußen hören, während ich alleine in meiner "Zelle" saß. Mir wurde echt wie im Gefängnis das Essen kurz gebracht und wieder abgeholt und ich aß alleine an einem kleinen Tisch im Zimmer. Ich verkroch mich nach kurzen Rauch- und Essenspausen sofort unter meiner Decke, denn viel war ja nicht zu tun. Hundemüde schlief ich um 8 Uhr abends ein. Ein totaler Weltrekord für eine Nachteule wie mich. Doch verstörender Lärm weckte mich um 23.00 Uhr wieder...


… Weiter geht's in Teil 2

 Ich wurde im Herbst 2018 mit Depressionen diagnostiziert. Trotzdem glaube ich, dass die Depression immer schon Teil von mir war. Als Kind hatte ich öfters depressive Phasen, aber sie wurden als Pubertät, Überempfindlichkeit und Sentimentalität abgestempelt. 

Ich war ca. 3 Monate vor meiner psychologischen Diagnose ausgezogen, war nun offiziell Psychologie Studentin und verbrachte zuvor einen wunderbaren Sommer in Portugal. Mein Leben schien perfekt und alles war aufregend und neu. Doch es sollte anders kommen. Als sehr soziale und kontaktfreudige Person freute ich mich Leute kennenzulernen. Aber plötzlich fiel mir der Umgang mit Menschen schwer. Ich fühlte mich verurteilt und begann mich selber abgrundtief zu hassen. Manchmal wachte ich morgens auf und musste beim bloßen Blick in den Spiegel weinen. Es war ein teuflischer Kreislauf. Die Energie fehlte mir um meine Haare zu bürsten, Kleider anzuziehen oder nur schon um zu duschen. So wirkte ich tatsächlich etwas verwahrlost, was meinen Selbsthass nur noch mehr entflammte. 

Mein mangelndes Selbstwertgefühl und die Müdigkeit, führten dazu, dass ich in der Universität stiller und stiller wurde. Ich traute mich nicht mit meinen Mitstudenten etwas zu unternehmen und fuhr so umgehend nach der Vorlesung nach Hause. Immer mehr arbeitete ich ganz von zuhause aus. Manchmal konnte ich das Bett gar nicht verlassen und fühlte mich als Nichtsnutz und sehr sehr einsam. Dieser brennende Hass mir gegenüber war etwas vom Schlimmsten. Ich fühlte mich gefangen in diesem Körper, in dem ich gar nicht sein wollte. Und das Tag für Tag, Stunde für Stunde. Die Mischung aus endloser Erschöpfung aber trotzdem kein Auge schließen zu können, trug auch nicht zur Besserung bei. Besonders nachts waren meine Gedanken am Schlimmsten und diese Zeit nicht mit Schlaf überbrücken zu können war ohnmächtig. 


Mein Psychiater verschrieb mir Sertralin, ein Antidepressiva. Die anfänglichen Nebenwirkungen waren heftig. Nachdem sich diese gelegt hatten, merkte ich aber keine großen Unterschiede. Mein Zustand war immer noch schlecht und so wurde die Dosis einige Male erhöht, bis ich die aller stärkste Tablette nahm. Es waren etwa 6 Monate vergangen und ich war an meinem Tiefpunkt angelangt. Durch das Nichtwirken der Medikamente wuchs meine Hoffnungslosigkeit, denn ich hatte das Gefühl, nichts mehr tun zu können. Das ist es jetzt, sagte ich mir. Ich wurde in eine Klinik eingewiesen aber die Wartezeit betrug einige Wochen. Niemand, auch nicht ich, wusste ob ich die Zeit überstehen wurde. So schlecht ging es mir. Leute sagen mir heutzutage, dass mein Blick teilweise komplett leer war und sie das Gefühl hatten, mit einer Hülle zu kommunizieren. Andererseits waren meine Augen teilweise so mit Schmerz erfüllt, dass sie mein Leiden förmlich spüren konnten.


Ich habe das große Glück, dass mein Stiefvater Apotheker ist und selber unter depressiven Phasen leidet. Als er von der enormen Dosis erfuhr, die mir ohne nachweisliche Wirkung verabreicht wurde, war er maßlos aufgebracht und schrieb umgehend meinem Psychiater. Dieser fühlte sich in seiner Position gekränkt, aber schlug widerwillig ein zweites Medikament vor. Ich fühlte mich in dieser Zeit etwas hin und hergeschoben. Einerseits versuchte sich jeder um mein Wohl zu kümmern, aber ich war die die litt. Helft mir einfach, bitte, wollte ich schreien. Aber die Kraft fehlte mir. Nach etwa zwei bis drei Wochen nach Beginn des zweiten Medikaments, trat etwas Unerwartetes ein. Es wirkte!


Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich fühlte es sich an, als wäre die graue, einsame Blase plötzlich geplatzt, von der ich so lange umgeben war. Die Stadt schien etwas bunter, die Menschen freundlicher und ich fühlte mich etwa 100 Kilo leichter. Ich rief meiner Familie an und erzählte ihnen davon. Es war eine große Erleichterung. Das klingt nun alles sehr Komödien-mässig. So als wäre plötzlich alles perfekt. Happy end. So einfach ist es leider nicht mit Depressionen. Und das wusste ich auch. Das positive Gefühl welches ich verspürte, war nur so intensiv, da ich solange in meiner traurigen Welt gelebt hatte. Und ich hatte unzählige Rückfälle. Ich persönlich sehe die Depression auch nicht als vollständig heilbare Krankheit. Sondern als etwas, mit dem man zu leben lernt und sie zu kontrollieren und in Schacht zu halten. Aber dazu werde ich in einem anderen Post mehr erzählen.


Liebste Grüsse




Mit meinem bevorstehenden Aufenthalt in der Entzugsklinik und einem Leben mit Depressionen ist es für mich besonders wichtig mich beschäftigt zu halten. Meine Gedanken laufen stets auf Hochtouren und wenn ich mir zu viel Zeit zum nachdenken gebe, droht mich das Gedankenkarussell zu erdrücken. Besonders für die Zeit nach meinem Entzug habe ich lange überlegt, wie ich meinen Alltag füllen kann. Die Depressionen machen es teilweise schwierig, mich aufzuraffen, Motivation zu empfinden und Lebensfreude auszustrahlen. Aber ich habe begonnen eine Liste mit Dingen zu verfassen, mit der ich Zeit totschlagen und eventuell auch wieder Freude für sie empfinden kann. Jeder Mensch ist unterschiedlich und wir haben alle verschiede Interessen und Hobbys. Aber vielleicht hilft diese Auflistung doch der einen oder anderen Person! 



Schreiben:

Schreiben war schon immer eine meiner Leidenschaften. Als Kind war es eine Möglichkeit, mich in andere Welten zu beamen. Sozusagen meine perfekte, kleine Traumwelt zu erfinden und meiner endlosen Fantasie freien Lauf zu lassen. Leider habe ich das Schreiben lange vernachlässigt aber ich möchte unbedingt meinen Weg dokumentieren und meine Gedanken sortieren. Obwohl ich in der Therapie verbal kommuniziere, fällt es mir einfacher, mein Chaos im Kopf niederzuschreiben und so Ordnung in dieses zu bringen


Sport:

Es ist erwiesen, dass Sport Glückshormone ausschüttet und uns nicht nur gesund sondern auch glücklich haltet. Ich war zwar schon immer sportlich aber nie Sportfanatikerin. Das Gute ist, dass es für jeden was gibt. Sei es Cardio, Zumba, Boxen oder ganz was anderes. Ich habe entschieden nach meinem Klinikaufenthalt, drei Mal in der Woche Sportkurse zu besuchen. Es ist eine Möglichkeit aus dem Haus zu kommen, Menschen zu sehen und mich auszupowern, sodass ich mich erfüllter und produktiver fühle. Sport wird mir auch ganz bestimmt bei meinen Schlafproblemen helfen!


Bücher lesen:

Als Kind war ich eine totale Leseratte. Kein Buch war vor mir sicher und hatte ich es mal begonnen, war der Roman in Kürze verschlungen. Ich denke durch das Lesen kam auch meine Freude am Schreiben. Leider lese ich so gut wie gar nicht mehr und das obwohl es mir so viel Freude bereitet hatte. Mit Depressionen war ich oft zu müde und konnte mich nicht wirklich aufraffen. Speziell für den Klinikaufenthalt habe ich mir nun einige Bücher bestellt, besonders Ratgeber und kann es kaum erwarten, diese zu erhalten und zu lesen. 


Meditation

Die Meditation hat sich als grosse Hilfe in schwierigen Zeiten erwiesen. Sie kann anfangs unvorstellbar schwierig sein, vor allem mit dunklen Gedanken im Kopf. Aber das Training der Achtsamkeit verbindet unseren Körper mit unserem Kopf und schafft ein Bewusstsein für diese. Es gibt zahlreiche Apps, die unzählige von geführten Meditationen haben, sodass bestimmt für jeden etwas dabei ist. 


Freiwilligenarbeit

Ich gebe bereits seit einem Jahr Deutschkurse an Flüchtlinge. Nicht nur ist dies eine sinnvolle Beschäftigung sondern erfüllt mich nebenbei auch sehr. Es gibt viele Websites die nach Leuten suchen die unterrichten, mit Senioren spazieren gehen, Hunde Gassi führen usw. Mir half es besonders mit Leuten zu sein, die meine Geschichte nicht kannten und somit keine Vorurteile hatten. Man fühlt die enorme Dankbarkeit und besonders Menschen die das Gefühl haben nicht gebraucht zu werden, wird dies sicher gut tun



Kaffee besuchen

Bei uns gibt es total süsse Kaffees, von denen ich leider viel zu wenig kenne. Sei es mit Freunden, mit einem Buch, dem Computer oder Stift und Papier. Es ist eine gute Möglichkeit für einen Szenenwechsel, gute Gespräche oder einfach für ein wenig Koffein. 






Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus meiner Liste, die immer noch in Arbeit ist. Ich bin auch total froh um sonstige Vorschläge, egal wie verrückt sie sein mögen. Es folgt auf jeden Fall noch ein zweiter Teil dieser Auflistung & eine Rückmeldung, wie gut ich die Dinge umsetzen konnte!

 Ich war schon immer interessiert an Menschen. Wie denken sie, was definiert sie, was unterscheidet sie. Wieso bleiben gewisse Freundschaften und andere nicht. Wie funktioniert unsere Psyche? Abgesehen von meinem Interesse in unser Wesen, war ich auch ansonsten gerne von Menschen umgeben. Egal ob alt oder jung, introvertiert oder extrovertiert, reif oder nicht. In meinen Schuljahren hatte ich stets einen grossen Freundeskreis. Ich war nie gerne im Mittelpunkt, obwohl ich auch genoss Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber ich war gerne Teil einer Gruppe, einer Sippe und fühlte mich so dann stark und gut.


Wenn ich das so schreibe klingt das Ganze dann schon sehr evolutionsbiologisch. Teil einer Gruppe zu sein um sich vor Feinden und Angriffen zu schützen. Menschliche Nähe und Akzeptanz ist ein Urbedürfnis und wichtig fürs Überleben. Damals im wortwörtlichen Sinn aber auch heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass ein Mangel an sozialer Interaktion zu Depressionen führt und uns unglücklich macht. War ich zu lange allein, fühlte ich mich einsam und suchte schnell wieder menschlichen Kontakt. 


Als die Universität begann, entwickelte sich etwas, was man in der Psychologie wohl als soziale Phobie betitelt. Für meine Familie, meine Freunde aber auch für mich unerklärlich. Ich war doch immer so gerne mit Mitmenschen. Gewisse können es auch heute nicht glauben. Ich war aber auch sehr gut meine sozialen Ängste gekonnt zu überspielen. Umso mehr Angst ich hatte desto selbstbewusster wirkte ich. Aber plötzlich schien mich jede Person im Bus anzustarren, von oben bis unten zu analysieren und zu verurteilen. Ich begann mich selber zu verurteilen. Wieso musstest du jetzt ausgerechnet dieses Shirt anziehen, wieso trägst du diese Frisur und wieso zur Hölle konntest du deine Schuhe nicht putzen. Teilweise musste ich überwältigt von einer Panikattacke den Bus verlassen. Die Universität war mein persönlicher Albtraum. Ich fühlte mich als hätte ich ein Schild um mich das sagte, schaut mich an. Alle schauten mich an - oder zumindest dachte ich das. Und mit dieser Unsicherheit wirkte ich unbeholfen, was mich auch nicht besser fühlen liess. Wenn meine Freunde und ich mit Leuten redeten, blieb ich lieber still. Ja nichts falsches sagen. Und das obwohl ich früher immer so gerne Kontakte knüpfte, neue Leute kennenlernte und ganz bestimmt nicht introvertiert war. 


Ich wurde sogar um enge Freunde herum schüchtern. Erfand Ausreden um keine Anlässe und Geburtstagspartys mehr besuchen zu müssen und isolierte mich mehr und mehr. Meine Freunde waren so weit es ging verständnisvoll und sehr unterstützend aber wie sollten sie etwas verstehen, für das ich auch keine Erklärung hatte? Ich verpasste viel in dieser Zeit. Die Angst war grösser hinzugehen, aber schlussendlich sass ich alleine und einsam zuhause. Sollte ich nicht mein Studentenleben geniessen? 


Dies sind einige Gedanken und Facts zu meiner sozialen Phobie. Sie ist ganz bestimmt noch nicht verschwunden aber ich habe gelernt mit ihr umzugehen, sie zu respektieren aber sie auch herauszufordern. Ich werde in der Zukunft noch Dinge notieren, die mir geholfen haben die Zeit zu durchstehen und meiner Phobie entgegenzuwirken. Aber was ich gelernt habe ist dass Phobien, Depressionen, psychische Krankheiten im Allgemeinen nicht schwarz oder weiss sind. Sie kommen in verschiedensten Variationen und Ausprägungen. Liegt die eine Person mit Depressionen im Bett und kann sich kaum bewegen, geht eine andere Person mit derselben Krankheit strahlend ins Büro und abends mit Freunden aus. Obwohl psychische Krankheiten definiert sind, sind sie wie wir Menschen - absolut verschieden. 




 Alkohol gehörte in unserem Haushalt zu den Grundversorgungsmitteln, wie Nudeln in anderen Familien. Wenn ich meinen verstorbenen Vater vor Augen sehe, steht er mit einer Dose oder Flasche Bier in der Hand vor mir. Das Logo bereits von klein auf visualisiert und der Geruch eingeprägt. Ich war zu jung um Sucht und Alkoholmissbrauch zu verstehen aber was ich wusste, war dass der Alkohol meinen Vater veränderte, er sprach so komisch. Langsamer und verzögert. Er verhielt sich anders. Anhänglicher aber zugleich aggressiver. Und wenn er sich sehr speziell verhielt, wurde meine Mutter wütend und es gab Streit.

Für mich war sein Bierkonsum normal. Es wurde zur Gewohnheit und ich musste mich im Verlauf meiner Jugendjahre daran gewöhnen, dass es eben nicht zum alltäglichen Leben gehört und die meisten anderen meiner Freunde ihre Väter ohne Bier in der Hand visualisierten.


Nach seinem Tod befasste ich mich mehr mit dieser Sucht. Ich realisierte die Gefahr und erkannte das exzessive Trinken als Krankheit. Für mich war es ausgeschlossen, jemals derselben Krankheit zu verfallen. Nur ältere Leute sind Alkoholiker und ganz bestimmt nicht ich. Dachte ich zumindest…


Ich war Mitte 15 als ich das erste Mal trank. Für viele meiner Freunde war das eher spät aber ich hatte keine Eile. Ich war bereits aus der Sekundarschule und im Gymnasium. Meine Freunde und ich planten alles genau durch. Die Vodka Flasche war gekauft, mein Zuhause als Ort festgelegt und die Vorfreude gross. Ich wusste nicht was zu erwarten, denn ich hatte bisher noch keinen Tropfen versucht. Der Abend endete in Gekotze, einer wilden Geschichte an die Hälfte ich mich nicht mehr erinnern mag und der Realisation, dass ich definitiv zu viel getrunken und Küsse ausgetauscht hatte. 


Über die Jahre hatte ich viele feuchtfröhliche Wochenenden. Ich hatte einen engen Freundeskreis, der auch gerne einen über den Durst trank aber gleichzeitig wie ich am Montag in die Realität der Schule und Verantwortung zurückkehrte. Zu dieser Zeit hatte ich das Trinken im Griff. Der Alkohol hatte die erwünschte Wirkung. Er lockerte mich etwas auf, wirkte als sozialer Booster und machte leider auch gewisse Jungs attraktiver als sie wirklich waren ;) 


Mit dem Tod meines Vaters und dem meiner besten Freundin merkte ich die ersten leichten Veränderungen in meinem Trinkverhalten. Die Menge des Alkohols und die Häufigkeit unserer Zusammentreffen veränderten sich nicht. Der Grund für das Trinken jedoch schon. Ich war verständlicherweise in einer tiefen Trauer. Besonders der Tod meines Vaters traf mich hart. Der physisch fühlbare Schmerz schien sich in jede letzte Zelle meines Körpers auszubreiten und hinterliess eine Trauer so mächtig, dass ich dachte an dieser sterben zu müssen. Es war meine erste Begegnung mit dem Tod und die erste Person in einer Reihe von vielen die mir genommen werden sollten. Nebenbei war es auch das erste Zusammentreffen mit einer Krankheit, die von da an eine ätzende Begleiterin meines Lebens wurde namens Depression. Mir wurde gesagt, dass ich “nur” in tiefer Trauer war, aber weit von einer Depression entfernt war. Falsch gedacht.


Der Alkohol wirkte als Pflaster. Zu dieser Zeit war er sogar essentiell, so abwegig das auch klingen mag. Für ein paar Stunden konnte ich alle meine Sorgen vergessen und empfand so etwas wie Lebensfreude. Ich fühlte mich wie ein normaler Teenie und nicht wie ein Halbwaise mit Depressionen. Die Folgen meiner Trauer merkte ich in der Schule. Ich versuchte mir Mühe zu geben und verpasste auch fast keinen Unterricht. Allerdings war mein Kopf nicht bei der Sache und ich fühlte mich alleine mit meinen Problemen. Während andere sich um ihre Noten sorgten oder Herzschmerz erlebten, kämpfte ich mit ganz anderen Dingen. Meine Lehrer unterstützten mich so gut wie möglich, aber das Repetieren dieses Jahres liess sich nicht verhindern. 


Mit einer neuen Klasse kam ein neuer Freundeskreis. Ich distanzierte mich von meinen alten Freunden und bildete neue Freundschaften. Mit Leuten in Kontakt zu kommen war nie schwierig für mich. Ich lernte auf natürliche Weise Menschen kennen und war stets von diesen umgeben. Allerdings wirkte ich um einiges selbstbewusster als ich mich fühlte. Die anfängliche Trauer hatte sich in eine unsichtbare dicke Mauer umgewandelt. Ich lachte und redete mit meinen Freunden aber  innerlich war ich kalt. Nach dem Tod meiner besten Freundin schwor ich mir, nie wieder jemanden so nahe an mich zu lassen. Ich hatte Angst verlassen zu werden und diesen Schmerz nochmals erleben zu müssen. Also liess ich niemanden an mich heran. Während mir andere von ihren Ängsten und Gedanken erzählten und ich fleissig Ratschläge verteilte, behielt ich meine inneren Dämonen für mich. Ich fühlte mich stark und unbesiegbar. Keine Emotionen zu zeigen, Tränen zurückzuhalten und immer gut drauf zu sein war für mich ein Zeichen von Stärke. Aber hinter dieser Mauer war ein unsicheres und stumm nach Hilfe schreiendes Mädchen. 


Meine Klasse ging gerne am Wochenende gemeinsam feiern. Ich war natürlich immer mit dabei. Einerseits weil ich mich mit meinen Mitschülern gut verstand und andererseits war ich nie jemand die zu lange zuhause herumsitzen konnte. Wir erkundeten das Stadtleben, besuchten Partys oder sassen am See. Auch damals hatte ich das Trinken im Griff. Die Schule diente mir als fester Anker. Sie gab mir Struktur, hinderte mich daran unter der Woche zu trinken und erfüllte mich. Die guten Freundschaften die ich aufbaute und das Gefühl gemocht zu werden - von Mitschülern wie auch Lehrern taten mir gut. Ich erinnere mich an diese Zeit als eine der glücklichsten die ich hatte. Bereits damals fürchtete ich den Moment die Schule abzuschliessen und beschloss jeden einzelnen Tag zu geniessen. Mit meinem Schulabschluss begann womöglich alles Negative was folgte. Ich flog mit meinen Freunden für zwei Wochen nach Kroatien. Wir tranken jeden Tag und begannen oftmals schon am Nachmittag. Mir fiel es schwerer und schwerer Nein zu sagen, auch wenn ich wusste, dass ich nicht trinken sollte. Mit meiner Rückkehr nach Hause, waren die Partys aber nicht vorbei. 


Ich flog nach Portugal und es wurde wie zu erwarten wild. Jede Nacht feiern, im Moment leben, Leute kennenzulernen. Ich liebte es. Aber die Momente ohne Alkohol wurden unerträglich. Im Vergleich zu den Höhen die ich im Rausch erlebte, waren die nüchternen Momente extrem Tief und es begann sich ein starker Kontrast abzuzeichnen. Ich denke das war der Moment, in dem ich begann in den Extremen zu leben und in dem es kein zurück mehr gab. Ich war 19. Feiern war normal und jeder tat es. Also gab es auch keinen Grund sich Sorgen zu machen. Nach Portugal ging es ziemlich direkt nach Australien für drei Monate. Als Backpacker bleibt einem der Alkohol natürlich nicht vorenthalten. Ich genoss meine Reise, aber die Partys gerieten mehr und mehr aus dem Ruder. Mein Bedürfnis dieses Hoch zu empfinden und keine Traurigkeit mehr wurde stärker. Und jeder in meinem Umfeld trank, also trank ich auch. Ich stellte nie eine Verbindung zu den Suchtproblemen meines Vaters her. Im Nachhinein sind so viele Parallelen da aber für mich war mein Vater ein Alkoholiker und ich eine junge Frau die gerne Feiern ging. 





Mit 20 beschloss ich die Universität zu starten. Mein Studiengang: Psychologie. Ich hatte ein Talent meine Mitmenschen analysieren zu können und das Bedürfnis, sie verstehen zu wollen. Aber mir selber konnte ich nicht helfen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit zwei Jahren bei meinem jetzigen Therapeuten Herrn S. 


Die Uni startete und ich hatte meine erste Panikattacke. Nachdem ich ein Jahr in einer komplett anderen Realität gelebt hatte, traf mich der Schulbeginn schwer. Ich spürte die Blicke aller Studenten auf mir und es wurde so unerträglich, dass ich aus dem Klassenzimmer rannte. Und dieses auch nie mehr wieder betrat. Meine Depressionen, meine soziale Phobie und meine Ängste wurden zum Problem und mein Leben zur Hölle. Mein Vater beschrieb seine Depressionen als Sog, der einen immer weiter in den Abgrund zog. So fühlte es sich an. Ich fiel tiefer und tiefer und es gab kein Entkommen. Ich erinnere mich an Tage in denen ich keine Energie hatte überhaupt aufzustehen, zu essen oder zu duschen. Normale Dinge wurden unmöglich und wenn ich es überhaupt auf den Balkon für eine Zigarette schaffte, sass ich dort für Stunden versunken in dunklen Gedanken. Aber über meinen Kampf mit Depressionen werde ich noch genauer berichten.


Auf jeden Fall wurden Depressionen und Alkoholkonsum zu einer Art ungesunden Symbiose, die sich gegenseitig brauchte und zu helfen schien. Der Alkohol liess mich meine Probleme vergessen, aber ich wachte auf und fühlte mich elender als eh und je. Also kam der Wein wieder zum Einsatz und so weiter. Ein sehr trauriger und zerstörerischer Kreislauf. Dem Problem des Alkohols schenkte ich allerdings wenig Aufmerksamkeit, denn es galt der Depression entgegenzuwirken. Mit dieser war ich auch verdammt lange beschäftigt und so hatte die Sucht Zeit sich leise auszubreiten. 


Nun bin ich 22 und trete meinen ersten und hoffentlich letzten Klinikaufenthalt für Suchtprobleme an. Ich schäme mich nicht für meine Depressionen, für meine Borderline Diagnose, meine Angst. Aber für den Alkohol ja. Ich bin doch so jung. Ich sollte es doch im Griff haben. Aber gleichzeitig fühlt sich das Aussprechen des Problems auch so so gut an.Endlich kein Selber-Anlügen und keine Entschuldigungen finden. Ich bin bereit nüchtern zu leben.


Natürlich ist es einfacher gesagt als getan. Aber die Vorstellung mein Leben und meinen Körper weiter zu zerstören, erscheint schlimmer als ohne Alkohol zu leben. Auf diesem Blog möchte ich einerseits meinen Weg in der Klinik dokumentieren. Sei dies für mich oder vielleicht sogar für andere denen ich helfen kann. Andererseits werde ich über mein Leben mit Depressionen, Angst, Medikamenten & Borderline berichten. Ich schrieb schon als Kind gern und habe entschieden, dieses Hobby als therapeutische Beschäftigungsform wieder aufzunehmen. Wieso also nicht auf einem Blog? Ich weiss nicht ob diese Texte jemanden erreichen werden aber wenn meine Offenheit bereits jemandem helfen kann, bin ich unendlich glücklich. Danke, dass du hier gelandet bist!